Die apokalyptisch anmutende Katastrophe in Japan führt uns eindrücklich vor Augen, dass wir längst in die Situation des Zauberlehrlings geraten sind: Nicht wir beherrschen Natur und Technik, sondern sie uns!
Naheliegenderweise wird nun der Ausstieg aus der Atomenergie diskutiert, doch der Energiebedarf moderner Gesellschaften wird dadurch ja nicht automatisch geringer, dazu braucht es vor allem mentaler Anstrengungen. Daher stellt sich zwangsläufig die Frage, wie wir von unserem suchtartigen Verlangen nach immer mehr auf allen Ebenen herunterkommen, obwohl wir längst schon viel zu viel haben: zu viele Dinge, die unsere Wohnungen verstopfen, zu viele Informationen, die Chaos im Kopf verursachen, zu viele Erlebnisse, die unsere Gefühlskapazitäten überfordern. Ein Überfluß, den wir kaum noch verarbeiten können – Burnout und Depressionen grassieren.
Wen wundert’s? Veranstalten wir doch gerade ein in der Geschichte der Menschheit einzigartiges Experiment zur Intensitätssteigerung: Wie können wir noch mehr beschleunigen, verdichten, wie noch mehr Multitasking in unser Leben bringen und unser Nervensystem überbeanspruchen? Wie viele Tragödien der Welt können wir noch im Fernsehen live miterleben, ohne verrückt oder völlig abgestumpft zu werden? Dieses Experiment tun wir uns an.
Den wenigsten ist bewußt, daß es hochprofessionelle, aus der Psychoanalyse stammende Methoden sind, mit denen unsere Aufmerksamkeit zersplittert und wir auf ständig neue käufliche Außenreize konditioniert werden. Edward Bernay, ein Neffe Freuds und der Erfinder der modernen PR machte in den 20er Jahren tiefenpsychologische Methoden für amerikanische Unternehmen nutzbar, als diese verzweifelt nach neuen Absatzmöglichkeiten ihrer Massengüter für eine völlig gesättigte Gesellschaft suchten.
Gleichzeitig löste er damit ein Grundproblem konservativer Politiker, die sich den Kopf darüber zerbrachen, wie sie die Emotionen der Menschen in Massengesellschaften in ihrem Sinne lenken konnten. Ständiger Konsum, das unentwegte Bombardement mit Außenreizen – ob real oder virtuell – war hierfür ein geradezu perfektes Mittel! Denn auf diese Weise werden Menschen davon abgelenkt, sich für ihre eigenen Bedürfnisse (politisch) zu engagieren. In den USA sind ist dieses Ziel nahezu verwirklicht. Aus mündigen Bürgern sind weitestgehend unpolitische Konsumenten geworden, die nicht mehr wählen.
Bei uns läuft es etwas vergeistigter ab, für uns ist Wirtschaft quasi zur Religion geworden, der wir alles unterordnen – als Arbeitnehmer ebenso wie als Konsumenten.
Wir werden darauf konditioniert, einen Großteil unserer Zeit und Aufmerksamkeit eigentlich unwichtigen und banalen Dingen zuzuwenden – Zeit, die wir besser der sinnvollen Gestaltung des eigenen Lebens widmen könnten oder, je nach Gemütslage, der Verbesserung der Lebensbedingungen anderer – egal wo auf dem Globus.
Dabei geht es auch um globale Gerechtigkeit: Während wir in einer dekadent gewordenen Esskultur darüber nachdenken, welche neuen Kitzel wir unseren Gaumen noch verschaffen können, müssen die Menschen in anderen Teilen der Welt inzwischen Lehmkekse essen. Für die Ärmsten der Armen ist selbst Brot inzwischen Luxus – weil die Lebensmittelpreise explodieren. Weil auf Grundnahrungsmittel wie Weizen inzwischen spekuliert wird – und weil wir Lebensmittel inzwischen zu Biokraftstoffen verarbeiten, damit wie an unserem Energieverbrauch nichts ändern müssen, ihm sozusagen eine grüne Note geben können.
Wenn wir die grassierende Gier beklagen, müssen wir aufhören, unsere Wünsche und Bedürfnisse manipulieren zu lassen und von selbstverliebten Ichlingen und narkotisierten Konsumsklaven wieder zu wachen, aufmerksamen Menschen werden.
Catharina Aanderud
Weniger ist mehr
Zurück zum eigenen Maß CLASSICUS Verlag
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Der CLASSICUS Verlag wurde von Claudia Ludwig im Juni 2010 in Hamburg gegründet. Die ehemalige Lehrerin und Kommunikations-Trainerin veröffentlicht in ihrem Verlag Bücher, deren Inhalte positiv, zukunftsweisend und motivierend sind. Sie ist eine glühende Verfechterin der Klassischen Rechtschreibung.
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